Der Prolog und das komplette erste Kapitel. Achtung: Diese Leseprobe enthält leichte Spoiler zum Ende von Band 1.
Zwei Jahre, nachdem der Nebel gegangen war, hatte Eldovar gelernt, die Fenster offen zu lassen.
Das klingt nach wenig – aber es war alles. Eine Stadt, die ihre Fenster öffnet, ist eine Stadt, die nichts mehr hereinlässt, wovor sie sich fürchtet - und nichts mehr drinnen hält, wofür sie sich schämt.
Morgens stand der Geruch von frischem Brot in den Gassen, nicht mehr der von kaltem Rauch. Die Kanäle führten klares Wasser, seit niemand mehr heimlich hineinkippte, was das Licht nicht sehen sollte. Auf dem Markt wurde gefeilscht, laut und mit Vergnügen, und wenn jemand schimpfte, dann über Preise und nicht über ein kaputtes Land.
Die Ringe der Stadt standen offen. Wo früher Tore gewesen waren, mit Wachen, die Papiere wichtiger nahmen als Gesichter, wuchsen jetzt Marktstände in die Durchgänge, als hätte die Stadt beschlossen, ihre eigenen Narben zu überbauen. Kinder rannten von der Unterstadt bis zum Palasthügel, ohne dass jemand sie aufhielt. Manche von ihnen wussten gar nicht mehr, dass das einmal verboten gewesen war.
Das war das Beste daran: dass es Kinder gab, die es nicht mehr wussten.
Ich ging an jenem Morgen den Südkanal entlang, zwei fertige Türbänder über der Schulter, das Eisen noch handwarm vom Richten. Hinter mir atmete die Schmiede ihren Rauch in einen Himmel, der ihn vertragen konnte. Das Eiserne Herz hatte zu tun - nicht das hektische Zuviel der ersten Monate, als jeder etwas wollte und keiner warten konnte, sondern das gleichmäßige Genug, das eine Werkstatt trägt. Türbänder, Brückenbolzen, Pflugscharen. Werkzeug für Leute, die wieder etwas aufbauten, weil sich Aufbauen wieder lohnte.
Mein erster Weg führte zur Backstube am Kanal, wo früher ein Zollhaus gestanden hatte. Die Bäckerin hieß Grete eine breite, feste Frau um die Sechzig, graues Haar zu einem Knoten gedreht, der nie ganz hielt, Mehl bis an die Ellbogen und Unterarme wie eine Schmiedin. Ihre Tür hing seit Wochen in den Angeln wie ein müder Gaul. Ich setzte die neuen Bänder, während sie mir über die Schulter sah und Kommentare machte, als hätte sie das Handwerk erfunden.
„Fester“, sagte sie.
„Wenn ich's fester anziehe, reißt das Holz.“
„Dann nimm besseres Holz.“
„Das Holz ist deins, Grete.“
Sie lachte, tief und kurz, und drückte mir zum Abschied zwei Brote in die Hand, obwohl der Preis ausgemacht war und bezahlt. Ich nahm sie. Man hatte in dieser Stadt gelernt, dass Geben kein Trick mehr sein musste.
So sah meine Arbeit jetzt aus. Ich will nicht behaupten, dass ich mich nie dabei ertappte, wie ich an einer Straßenecke stehen blieb und auf etwas horchte, das nicht mehr kam. Alte Gewohnheiten sterben langsamer als alte Feinde. Die Tage aber hatten eine Form bekommen, die ich früher nicht für möglich gehalten hätte: morgens das Schmiedefeuer, mittags die Wege durch die Stadt, abends ein Lagerfeuer und Menschen darum, die ich nicht verlieren wollte.
Auf dem Rückweg nahm ich die lange Route, am Wasser entlang. Nicht aus Wachsamkeit. Aus Vergnügen. Auch das hatte ich lernen müssen - dass man einen Umweg gehen darf, nur weil das Licht auf dem Kanal schön ist.
Ein kleiner Lastkahn glitt vorbei, tief beladen mit Schieferplatten für die neuen Dächer im Westviertel. Der Fährmann hob grüßend die Hand. Ich hob meine. An der Brücke warfen Kinder Steine ins Wasser, und das Geräusch war normal. Es war immer noch nicht selbstverständlich für mich, wie normal es klang.
An der alten Kanalmauer, dort, wo die untersten Steine immer feucht bleiben, egal wie trocken der Sommer wird, fiel mir ein Glitzern auf. Ein feiner, heller Belag in einer Fuge, kaum größer als eine Münze, der das Licht brach wie polierter Stahl. Ich strich im Vorbeigehen mit dem Daumen darüber. Fest. Glatt. Salz, dachte ich. Das Wasser zieht Salze aus altem Stein, das weiß jeder, der je eine nasse Kellerwand gesehen hat.
Ich wischte den Daumen am Mantel ab und ging weiter. Hinter mir lachten die Kinder, vor mir wartete die Schmiede, und der Tag hatte noch Arbeit übrig.
Eine Stadt, die atmet, denkt nicht an jeden Fleck an ihren Mauern.
Ich jedenfalls dachte nicht mehr daran. Nicht an jenem Tag und nicht in der Woche danach. Es gab keinen Grund. Die Welt war hell geworden, und wir hatten sie hell gemacht, und wenn ich abends die Tür der Schmiede halb schloss, so dass man den Mond noch sah, dann tat ich das nicht mehr aus Vorsicht.
Sondern weil es schön war.
Die Schmiede weckte mich, bevor die Sonne es tat.
Nicht laut. Das Eiserne Herz hatte seinen eigenen Morgenklang: das Knarren der Blasebalgriemen, wenn Milo sie prüfte, das trockene Klopfen, mit dem Darric die Kohlen umschichtete, das Scheppern, wenn Tammo wieder einmal die Zangen falsch vom Haken nahm und Milo dazu seinen ersten Fluch des Tages sprach. Tammo war vierzehn, unser Lehrling seit dem Frühjahr - ein schlaksiger Junge mit dunklen Haaren, die ihm bis auf die Schultern hingen, welche er bei der Arbeit mit einem Lederband zurückband, was nie länger als eine Stunde hielt. Seine Nase, die ihm irgendwann mal jemand schief geschlagen haben musste und die seitdem leicht nach links zeigte, als wäre sie mit dem Rest des Gesichts zerstritten, gab seiner Erscheinung die passende Pointe. Er behauptete, sie sei beim Sturz von einem Heuwagen so geworden. Milo behauptete, kein Heuwagen der Welt treffe so genau. Tammo hatte zwei Begabungen: ein gutes Gefühl für Hitze und die Fähigkeit, jeden Morgen denselben Fehler zu machen.
„Die Zange hängt da, damit man sie am Griff nimmt“, hörte ich Milo sagen, als ich herunterkam. „Nicht am Maul. Willst du, dass sie dir eines Tages die Finger dankt?“
„Sie ist kalt, Milo.“
„Heute. Wenn du sie jetzt richtig nimmst, machst du es auch richtig, wenn's mal schnell gehen muss.“
Das hätte von Darric stammen können. Vielleicht stammte es von ihm. Die beiden hatten in zwei Jahren eine Art entwickelt, sich gegenseitig zu zitieren, ohne es zuzugeben.
Darric stand bereits am Amboss, den Hammerkopf in die Armprothese eingesetzt, und richtete Bolzen für den Oststeg. Der Klang seiner Schläge war das Gleichmäßigste an diesem Ort - ein Takt, nach dem man Brot backen und Streit schlichten konnte. Die Prothese hatte inzwischen ihre dritte Manschette, weil die ersten beiden durchgearbeitet waren. Er nannte sie „das ehrlichste Stück Eisen im Haus“.
„Weil sie nie behauptet, müde zu sein“, sagte er, wenn man fragte. „Sie ist es einfach nicht.“
Ich nahm das Auftragsbuch vom Brett. Lysa hatte es gestern Abend geordnet, in ihrer Schrift, die aussah wie gezogene Klingen: schmal, gerade, ohne Schnörkel.
Brückenbolzen für den Oststeg, vierzig Stück, die Hälfte fertig.
Pflugscharen für zwei Höfe im Norden.
Ein Fenstergitter für Gretes Backstube - „kein Zierrat“, hatte Grete gesagt, „aber auch nichts, was aussieht wie ein Kerker“.
Dazu das Übliche: Nägel, Beschläge, ein Kesselhaken, eine Reparatur an einem Brunnenkurbelwerk im Westviertel.
Kein einziger Auftrag für eine Waffe. Das fiel mir an diesem Morgen auf, ich weiß nicht, warum. Es war seit Monaten so. Niemand bestellte mehr Klingen, und wir vermissten es nicht.
Ich arbeitete bis mittags an den Pflugscharen. Das Eisen war gut, ein Posten aus den Nordminen, geduldig unter dem Hammer. Zwischendurch brachte ich Knorri im Stall hinter dem Hof einen Apfel, den er entgegennahm wie eine längst überfällige Steuer. Knorri war älter geworden in den zwei Jahren, grau um die Nüstern, und stand offiziell im Halbruhestand - eine Regelung, die ich eingeführt hatte und die er nicht anerkannte. Wenn ein anderes Pferd gesattelt wurde und er nicht, trat er so lange gegen die Boxenwand, bis jemand kam und sich entschuldigte. Milo behauptete, Knorri sei das einzige Wesen im Haus, das nie einen Fehler zugab. Darric behauptete, deshalb verstünden Milo und Knorri sich so gut.
Bei der zweiten Schar legte ich die Hand auf und sprach ein leises „Halt“ in die Schneide - nicht viel, nur eine Erinnerung an die richtige Härte, damit der Stein im Acker sie nicht so schnell verbeult. Es kostete kaum mehr als ein Ziehen hinter den Augen. Kleine Worte für kleine Dinge. Daran hatte sich nichts geändert, auch wenn sich an mir vieles geändert hatte.
Ich konnte inzwischen mehr Worte sprechen, als Seron mir je gezeigt hatte. Das Metall hatte mich gelehrt, und ich hatte zugehört, zwei Jahre lang, jeden Tag. Aber ich verschwendete nichts. Wortmagie ist wie gutes Werkzeug: Wer sie ständig herumträgt, um sie zu zeigen, hat nicht verstanden, wofür sie da ist.
Gegen Mittag kam Brek.
Er kam jeden zweiten Tag, immer zur selben Stunde, und stellte sich in den Hof hinter der Schmiede, als wäre er zufällig vorbeigekommen. Brek war nie zufällig irgendwo. Die Sondergarde hatte seit Wochen nichts zu tun gehabt, was über das Bergen eines störrischen Ochsen aus einem Graben hinausging, und genau das machte ihn unruhig.
„Hof“, sagte er nur.
„Ich hab mit den Pflugscharen zu tun.“
„Die Pflugscharen laufen nicht weg. Du wirst langsam.“
„Ich werde vorsichtig.“
„Das ist dasselbe Wort für Leute, die sich nicht eingestehen wollen, dass sie langsam werden.“
Ich hängte die Schürze an den Haken und folgte ihm. Es hatte keinen Sinn, mit Brek über Notwendigkeit zu streiten. Für ihn war Übung keine Vorbereitung auf etwas. Sie war eine Art zu leben, so wie andere Leute beten oder ihre Werkzeuge ölen.
Wir trainierten mit Holzstäben, wie immer. Keine Klingen im Frieden, das war seine Regel, und keine Worte, das war meine. Was im Hof zählte, waren Füße, Hüfte, Atem - die Dinge, die bleiben, wenn alles andere versagt.
Er trieb mich zweimal über den halben Hof, ehe ich seinen Rhythmus fand. Beim dritten Durchgang bekam ich seinen Stab zu fassen und drehte ihn aus, und er nickte, was bei Brek so viel bedeutete wie eine Lobrede mit Musik.
„Besser.“
„Ich war nie schlecht.“
„Du warst nie schlecht im Ernstfall“, sagte er. „Im Frieden ist jeder schlecht. Frieden macht weiche Hände.“ Er hob den Stab wieder. „Ich hab Männer gekannt, die haben drei Kriege überlebt und sind im vierten gefallen, weil dazwischen zehn gute Jahre lagen.“
„Du erwartest keinen vierten Krieg, Brek.“
„Ich erwarte gar nichts.“ Er setzte an, und ich parierte gerade noch. „Deshalb überrascht mich auch nichts.“
Lysa kam dazu, als wir den vierten Durchgang begannen, lehnte sich an den Türpfosten und sah zu, wie man einem mittelmäßigen Theaterstück zusieht. Sie hatte den Vormittag an der Brunnenkurbel im Westviertel gearbeitet und roch nach Schmierfett.
„Ihr seht aus wie zwei Alte, die sich an früher erinnern“, sagte sie.
„Komm her und sag das nochmal“, sagte Brek.
Sie kam her. Sie sagte es nochmal. Danach trainierten wir zu dritt, und ich verlor öfter, als mir lieb war, und lachte öfter, als ich verlor. Auch das war neu in meinem Leben: dass Verlieren nichts mehr kostete.
Am späten Nachmittag lieferte ich das Fenstergitter bei Grete ab und nahm den Rückweg über den Markt. Die Stände quollen über - Frühgemüse, Stoffwaren aus dem Süden, Töpferware mit Glasuren, für die vor zwei Jahren niemand Geld übrig gehabt hätte. An der Ecke, wo früher die Anschlagtafel mit den Verordnungen gehangen hatte, hing jetzt das Ratsbrett: Beschlüsse der Bezirksräte, Sprechzeiten, eine Liste offener Arbeiten samt Lohn. Ein Mann las laut für zwei andere vor, die nicht lesen konnten, und sie diskutierten dabei, als gehörte ihnen die Stadt.
Genau so sollte es sein. Genau das war die Idee gewesen.
Vor dem Ratsbrett stand auch ein Schreiber des Hofes und notierte etwas. Das war neu. Ich sah ihm einen Moment zu, und er spürte den Blick, klappte die Mappe zu und ging. Wahrscheinlich nichts, dachte ich. Der Hof durfte lesen, was alle lesen können.
Trotzdem nahm ich den Gedanken mit nach Hause wie einen Stein im Stiefel - klein genug, um weiterzugehen, groß genug, um ihn zu spüren.
Abends kam Kael, wie fast jeden Abend. Er kam nie mit leeren Händen; meistens brachte er Papier, manchmal Wein, an guten Tagen beides. Heute war ein Papiertag.
Er setzte sich an den langen Tisch, schob zwei fertige Türbänder beiseite, als wären sie Briefbeschwerer, und breitete seine Listen aus. Ich stellte ihm Suppe hin. Er aß, wie er arbeitete: gründlich und nebenbei. Ich musste ihn nicht fragen, ob er Hunger hatte, so wenig wie er mich fragen musste, ob ich noch in der Werkstatt sein würde, wenn er kam. Manche Dinge weiß man voneinander, ohne dass je darüber geredet wurde.
Es hatte eine Zeit gegeben, in der zwischen Kael und mir kein Platz für so etwas gewesen war. In den dunklen Jahren war jeder Tag eine Frage des Überlebens gewesen, und was zwischen uns aufkam, das schoben wir beide weg, weil es keinen Raum hatte. Dann ging der Nebel, und mit ihm ging die ständige Furcht. Ich hatte gelernt, einen Umweg am Kanal zu gehen, nur weil das Licht schön war. Und ich lernte gerade, dass Kael abends näher saß als nötig und dass ich nicht wegrücken wollte. Es war nichts, worüber wir sprachen. Aber es war da, jeden Abend ein bisschen mehr, und keiner von uns hatte es eilig, dem einen Namen zu geben.
Er reichte mir den Becher Wein, den er für sich eingeschenkt hatte, bevor er an seinen eigenen dachte - so eine Kleinigkeit, eine alte Gewohnheit, und doch fiel sie mir an diesem Abend auf wie etwas Neues. Ich nahm einen Schluck und gab ihn zurück, und unsere Finger berührten sich am Zinn, einen Moment zu lang für einen Zufall. Keiner von uns sagte etwas dazu. Dann legte er die Feder gerade und kam zur Sache, denn die Sache wartete immer.
„Die Räte im Süden streiten über die Brunnenpflege“, sagte er. „Der eine Bezirk will zahlen, der andere will Arbeit stellen. Sie streiten seit zwei Wochen.“
„Schlimm?“
„Wunderbar.“ Er sah kurz auf. „Vor zwei Jahren hätten beide geschwiegen und gewartet, wer zuerst bestraft wird. Jetzt streiten sie über die beste Lösung. Streit ist Arbeit. Das hast du selbst zum König gesagt.“
„Und Halvar? Sieht er es noch so?“
Kael antwortete nicht sofort. Er hatte eine Art, vor unbequemen Sätzen die Feder gerade zu legen, ganz parallel zur Tischkante, als müsse wenigstens irgendetwas in Ordnung sein, bevor er Unordnung aussprach.
„Halvar ermüdet“, sagte er schließlich. „Nicht am Regieren. Am Widerspruch. Er hat diese Woche zweimal eine Sprechstunde abgesagt. Und er hat mir einen Entwurf geschickt - eine ‚Vorprüfung‘ für Ratsbeschlüsse. Klingt harmlos. Heißt: Der Hof liest mit, bevor die Räte beschließen.“
„Das ist keine Vorprüfung. Das ist eine Leine.“
„Ich habe es ihm ähnlich gesagt, nur mit mehr Worten.“ Er rieb sich die Augen. „Er hat den Entwurf zurückgezogen. Diesmal.“
„Diesmal.“
„Er ist nicht Varr, Arduna.“ Kael sagte es ruhig, ohne Schärfe. „Er ist ein Mann, der zwanzig Jahre lang das letzte Wort hatte und jetzt jeden Tag erlebt, dass es auch ohne ihn geht. Das kratzt am Ego. Bei manchen heilt das. Bei manchen entzündet es sich.“
„Und bei ihm?“
„Das“, sagte Kael, „beobachte ich.“
Später kam Ronan, roch nach Hafen und brachte die „Sätze des Tages“ mit, wie er es nannte. Ronan sammelte Sätze, so wie andere Leute Münzen sammeln; er behauptete, man könne den Zustand einer Stadt daran ablesen, worüber sie murmelt, wenn sie glaubt, dass niemand zuhört.
„Drei Dinge“, sagte er und hielt drei Finger hoch, an denen die Suppe wenig später kleben würde. „Erstens: Die Kornpreise sind gut, alle sind zufrieden, was bedeutet, dass sich in zwei Monaten alle über die Kornpreise beschweren werden. Zweitens: Im Palast gehen abends wieder Händler ein und aus. Durch die Seitentür. Bramm war dreimal da diese Woche.“
„Bramm handelt mit Bauholz“, sagte Kael. „Der Hof baut. Das kann harmlos sein.“
„Kann“, sagte Ronan. „Harmlos geht aber meistens durch die Vordertür.“ Er ließ den dritten Finger einen Moment in der Luft stehen. „Drittens: Ein Fuhrmann aus dem Süden hat im Anker erzählt, im Sickerwald-Tal „wachsen die Wege“. Seine Worte. Er hatte getrunken, und die anderen haben gelacht.“
„Und du?“
„Ich lache nie über Fuhrleute. Die sehen mehr Land als wir alle zusammen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich nichts. Frostschäden, schlechter Schotter, ein Mann, der Geschichten mag. Ich heb den Satz trotzdem auf.“
Wir saßen noch lange, und das Gespräch glitt zu besseren Dingen: zu Tammos erster brauchbarer Niete, zu Lysas Plan für ein neues Türband-Modell, zu der Frage, ob Brek jemals freiwillig zugeben würde, dass ihm der Frieden gefiel. (Lysa: „Niemals.“ Ronan: „Er übt heimlich Lächeln. Ich hab's gesehen.“)
Als alle gegangen waren, blieb ich noch an der halb offenen Tür stehen. Der Fluss trug den Mond, die Stadt murmelte sich in den Schlaf, und aus dem Schmiedefeuer kam die letzte Wärme des Tages.
Ich drehte Eddas Ring am Finger, wie ich es abends oft tat. „Bleiben“, stand innen, so fein, dass nur die Haut es lesen konnte. Zwei Jahre lang hatte das Wort sich angefühlt wie ein Versprechen, das gehalten wurde.
„Wachsende Wege“, sagte ich leise in den leeren Raum, nur um zu hören, wie unsinnig es klang.
Es klang unsinnig.
Ich schloss die Tür halb, so dass man den Mond noch sah, und ging schlafen.
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