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KOSTENLOSE LESEPROBE · BAND 1

Leseprobe: Arduna – Die Tochter des Stahls

Der Prolog und der Anfang des ersten Kapitels. Lies rein, bevor du dich entscheidest – so hört sich das Buch an.

Prolog – Der Nebel über dem Dorf

ARDUNA · BAND 1

Ich war dreizehn, als der Nebel unser Dorf betrat.

Karnhold lag tief zwischen zwei Hügelketten, da wo der Wind selten hinkam und der Rauch lieber in den Dächern blieb als abzuziehen. Die meisten Häuser waren niedrig, aus dunklem Fichtenholz, die Balken so rußgeschwärzt, als hätten sie selbst jahrelang im Feuer gestanden. Zwischen den Wänden hingen eiserne Haken und Ketten - nicht zur Zierde, sondern zum Trocknen von Werkzeug und Leder. Manche Mauern bestanden aus Schlackestein, rissig, aber zäh. Wie die Menschen, die darin wohnten.

Morgens roch das Dorf nach Hämmern und Funken, nach Arbeit. Abends nach Müdigkeit und Schmieröl. Das Pflaster war uneben, aus Abfallstücken vergangener Arbeiten zusammengestückelt. Zwischen den Häusern tropfte Wasser aus Rinnen, und Kinder spielten mit Nägeln im Dreck. Hunde bellten die Nebelwand an, bis sie aufgaben und ins Haus gingen.

Wenn der Nebel kam, verschwanden die Zäune zuerst in ihm. Dann die Wege. Dann die Nachbarhäuser.

Die Leute sagten, er käme wann er wolle. Dass man ihn nicht aufhalten könne. Die Kinder hatten Angst vor ihm, die Erwachsenen taten so, als hätten sie keine. Aber alle wussten: wenn der Nebel dicker wurde, blieb man drinnen.

Man nannte mich Arduna. Klein, drahtig, mit Händen, die mehr wissen wollten als sie sollten. Mein Haar war dunkelbraun, selten sauber, meine Augen graugrün wie Eisen, das zu lange im Wasser gelegen hat. Ich war schneller als gut für mich war, und zu laut, wenn ich schwieg.

Mein Vater hieß Arvid. Er war Schmied, und wenn er arbeitete, wurden alle still. Ein breiter Mann mit dunkler, vom Feuer gezeichneter Haut und Händen, die aussahen, als hätten sie das Werkzeug längst ersetzt. Das Haar grau an den Schläfen, der Blick ruhig und dunkel. Er hörte immer zweimal hin, bevor er antwortete.

Er konnte mit Metall sprechen. Nicht im übertragenen Sinn.

Er nannte es Wortmagie, aber das klingt nach mehr als es war - oder nach weniger, je nachdem wie man es betrachtet. Die Idee dahinter war eigentlich einfach: Jedes Ding hat eine Eigenschaft, die es am liebsten tut. Eisen will halten. Feuer will wärmen. Wasser will fließen. Wortmagie hieß, einem Ding genau das Wort zu geben, das seine stärkste Eigenschaft beschreibt - klar gemeint, ruhig ausgesprochen, nicht laut. Nicht befehlen. Hauchen. Als würde man jemandem etwas ins Ohr sagen, das er ohnehin schon weiß.

Ein Griff, dem er das Wort „halten“ gab, ließ nicht nach. Eine Klinge, der er „stehen“ hauchte, bog sich unter Druck nicht durch. Ein Haken, der „tragen“ bekam, hielt mehr als sein Gewicht erlauben sollte. Kein Licht, kein Knall - nur Stahl, der seine Aufgabe kannte.

Der Preis dafür war Atem. Nicht im übertragenen Sinn, sondern wörtlich: jedes Wort kostete etwas von dem, was man in der Lunge hatte. Kleine Worte für kleine Dinge kaum spürbar. Starke Worte für starke Zwecke kosteten mehr. Mein Vater arbeitete damit behutsam, und schwieg danach eine Weile länger als sonst.

Er erklärte das nie. Er zeigte es, Abend für Abend, und jedes Zeigen war eine Warnung: Sprich selten. Schmiede sauber.

Immer da war auch Edda.

Sie war nicht aus Karnhold. Das spürte man sofort - nicht weil sie fremd wirkte, sondern weil sie sich bewegte wie jemand, der nie gelernt hatte, sich kleiner zu machen als nötig. Sie war vor Jahren aufgetaucht, eines Morgens einfach an der Tür meines Vaters, mit einem gebrochenen Messer in der Hand und einem Blick, der sagte, dass sie keine Almosen wollte, sondern Arbeit. Was zwischen ihr und meinem Vater besprochen worden war, wusste ich nicht. Er nahm sie auf, sie blieb, und irgendwann war sie einfach da - so selbstverständlich wie der Amboss oder der Blasebalg.

Später erfuhr ich in Bruchstücken, dass sie früher für einen Stadtherren im Süden gekämpft hatte, dass irgendwas schiefgegangen war und dass sie seitdem lieber in der Stille des Nordens lebte als in der Unruhe des Südens. Mehr erzählte sie nicht, und man fragte nicht zweimal.

Sie war die Frau, die mich kämpfen lehrte. Ihr Körper sehnig, die Arme voller Kraft, die nie prahlen musste. Ihr Haar war dunkelblond, fast kupfern, wenn das Licht drauf fiel. Ihre Augen - tiefgrün und scharf - ließen keinen Zweifel, wenn sie einen Satz begann. Sie band mir Tonkugeln an die Ellenbogen, damit ich begriff, wie schwer Unachtsamkeit ist.

„Halte nicht die Klinge“, sagte sie. „Halte dich. Die Klinge folgt.“

Wenn ich zu schnell wurde, schickte sie mich Holz holen oder Wasser tragen. „Schnelligkeit ist eine Sucht“, sagte sie. „Sucht macht blind. Blindheit bringt den Tod.“

Ich gewöhnte mir an, langsam zu beginnen und erst später schneller zu werden. Geduld war bei uns keine Tugend, sondern eine Übung.

Abends, wenn die Glut der Schmiede niedrig brannte, saß ich auf dem Schwellenstein vor der Werkstatt. Durch das offene Tor kam der Geruch von heißem Metall und verbranntem Öl, manchmal gemischt mit Holzrauch vom Nachbargehöft. Manchmal sah ich meinem Vater zu, wie er fertige Pfeile in der Hand hielt und mit gesenkter Stimme Worte in das Metall hauchte. Wenn er fertig war, roch es kurz anders, schwerer. Danach saß er eine Weile still, die Hände auf den Knien, und holte sich den Atem zurück.

An solchen Abenden blieb die Dorfstraße leer. Die Hunde lagen drinnen. Im Wirtshaus sprach man leiser. Man sagte, die Königsstadt Eldovar habe Dinge im Norden vergraben, damit die Hallen ruhig bleiben. Man sagte auch, der Nebel nehme, was zu nah atme.

Was genau er nahm, sagte niemand laut. Man nannte die Nebelgeborenen nicht beim Namen. Aber man wusste, wie sie aussahen: wie Menschen, nur falsch zusammengesetzt. Arme, die etwas zu lang wirkten. Bewegungen, die einen Herzschlag zu früh endeten oder zu spät begannen. Haut, die unter dem richtigen Licht fast durchsichtig wirkte - und darunter feine Linien, wie Fäden, die jemand eingenäht hatte, ohne zu fragen, ob man das wollte.

Es hieß, sie waren Menschen gewesen. Leute, die zu lange im Nebel gestanden oder von ihm berührt worden waren. Der Nebel veränderte sie - behielt etwas von ihnen und fügte etwas Fremdes ein. Was genau, wusste niemand. Aber in ihren Augen war manchmal noch ein Rest davon, wer sie gewesen waren. Das war das Schlimmste: sie sahen aus, als würden sie sich erinnern.

An jenem Abend ließ mein Vater mich den Blasebalg treten, bis das Feuer gleichmäßig brannte. „Ruhig“, sagte er und das Wort legte er ins Feuer, nicht in die Luft, und die Glut wurde ruhiger.

Er wirkte müde an diesem Abend. Mehr als sonst. Die Hände schwerer, die Pausen länger. Er hatte an diesem Tag schon viel gesprochen - mit dem Stahl, mit dem Feuer, mit den Werkzeugen, die er fertiggestellt hatte. Sein Atem war dünn geworden, ohne dass er es gezeigt hatte.

Als die Sonne sank, wurde es draußen dunkler - und kurz darauf kroch der Nebel durch die Gassen, bis er schließlich durch die Balkenspalten ins Haus drang. Mein Vater legte den Hammer zurecht. Edda stellte sich an die Tür - sie hielt kein Schwert, nur ein Stück Holz. Aber wenn Edda etwas hielt, wurde es gefährlich.

Dann öffnete sich ein Spalt im Nebel.

Die erste Gestalt, die heraustrat, war Harek - ein vermisster Mann aus der Mine, der schon im Leben mehr geschwiegen hatte als alle anderen. Ich erkannte ihn sofort, und gleichzeitig nicht. Er war noch da, aber irgendwas Wesentliches fehlte. Unter seiner Haut glommen feine Linien. Seine Bewegungen waren zu weich, als wären Sehnen durch Fäden ersetzt worden. Und sein Blick - dieser Blick. Zu klar. Zu leer. Ich kannte Harek als müden, fluchenden, schmutzigen Mann. Der da war leer.

„Harek“, sagte mein Vater leise. „Bist du noch du selbst?“

Für einen Moment flackerte etwas in seinen Augen - das kurze Aufzucken eines Mannes, der seinen eigenen Namen hört und sich daran erinnert, dass er mal jemand gewesen ist. Dann war es weg.

Zwei weitere Gestalten kamen durch den Spalt, zu lang und unförmig in den Gliedern. Sie rochen nach kaltem Metall und Ruß. Als eine von ihnen den Kopf hob, sah ich, dass ihr Gesicht nicht ganz stimmte - die Züge leicht verschoben, nicht ganz richtig.

Wir wurden angegriffen.

Ich wusste, wann man rennt. Ich wusste auch, wann man bleibt. Ich blieb, weil mein Vater „Arduna“ sagte - auf eine Art, die mich auf die Schwelle band.

Der Hammer sprach zuerst. Kein wilder Hieb - ein gezielter Schlag. Er traf Harek an der Seite und trieb ihn aus dem Schritt. Edda stieß dem Zweiten die Knie weg. Der Dritte glitt rückwärts.

Mein Rücken wusste, wo die Mauer war. Meine Augen wussten, wo mein Vater stand.

„Es gibt nur eins, was sie aufhält“, flüsterte er, mehr zu sich selbst. Dann wandte er sich zum Amboss. Am Fuß hatte er ein Wort eingeritzt - „Flare“. Er fuhr mit Kreide über die Gravur - nicht löschen, sondern freigeben. Dann holte er tief Luft. Ich sah, wie sich seine Brust hob. Wie er alles sammelte, was noch da war.

Er hauchte das Wort. So leise, dass ich es nur an seinen Lippen las.

Der Amboss gab einen Ton von sich, der nicht durch die Ohren ging, sondern durch die Rippen. Dann kam Druck ein flacher Stoß, wie eine Druckwelle aus dem Metall. Harek taumelte. Die anderen prallten zurück.

„Edda!“, sagte er, ohne sich umzudrehen. „Lauft. Nicht stehenbleiben, egal was passiert.“

Edda hatte mich schon gepackt. Wir rannten. Zwei Schritte, drei. Dann wurde der Hof still.

Ich drehte mich um.

Der Hammer lag, wo er gefallen war. Mein Vater lag neben dem Amboss. Die Kreide klebte noch an seinen Fingern. Er hatte an diesem Tag zu viel gesprochen. Zu viel gegeben, zu früh. Und am Ende war nicht mehr genug übrig gewesen.

„Nicht jetzt“, sagte Edda, und ihre Stimme brach bei einem Wort, das sie nicht aussprach. Sie packte mich an der Schulter und zog. Meine Beine wollten zurück, aber ich ließ mich ziehen. Wir liefen. Der Nebel blieb am Haus.

Am Rand des Flusses war die Luft klar. Ich kniete im Schilf, das nach Erde und stehendem Wasser roch, und hielt den Mund über das Wasser. Nicht um zu trinken, sondern um zu merken, dass ich noch atmen konnte. Ich wartete auf den Schrei, der in Geschichten kommt, wenn Väter sterben. Er kam nicht.

Trauer kam nicht laut. Sie kam langsam. Sie räumte in mir auf - gründlich und ohne Hast - und ließ Plätze frei, in die später anderes passte: Wut. Schuld. Eine Art von Mut, die mit Zittern beginnt.

Irgendwann, als die Stille zwischen uns nicht mehr drückte, sagte Edda leise: „Sie wussten es. Oben.“

„Wer ist oben?“

„Die, die etwas vergraben und danach die Erde segnen.“

Ich nickte, obwohl ich nicht sicher war, ob sie den König meinte, seine Männer oder einfach die Art von Menschen, die immer irgendwo stehen, wo die Luft besser ist.

Ich dachte an meinen Vater. An seine Hände. An die Art, wie er den Hammer führte - nicht drückte. An das Geräusch, das der Amboss machte, wenn ein Schlag genau saß. Ich dachte daran, dass ich das nie wieder hören würde, und dass ich nicht wusste, wie man mit einem solchen „Nie“ zurecht kommt.

In der Nacht schlief ich nicht, aber ich lag. Ich hielt mich fest: die Rinde am Baum, die Fuge des Steins, das raue Tuch am Ärmel. Ich sagte kein Wort. Wortmagie zahlt man mit dem, was man am wenigsten übrig hat: Atem. Und ich hatte an diesem Abend nicht mehr viel davon.

Am Morgen roch die Luft nach Asche. Wir gingen, ohne uns umzudrehen. Nicht aus Stärke. Aus Notwendigkeit.

Ich war dreizehn, als sie kamen. Zu jung für Krieg, zu alt, um wegzusehen.


Kapitel I – Flussabwärts Richtung Eldovar

LESEPROBE

Am nächsten Morgen gingen wir.

Nicht weil wir einen Plan hatten. Weil Karnhold hinter uns aufgehört hatte, ein Zuhause zu sein, und man irgendwohin muss, wenn man nicht einfach stehen bleiben will.

Edda gab das Tempo vor. Ich hielt ihren Schritt. Wir folgten dem Fluss südwärts, dort wo das Wasser breiter und ruhiger wurde und der Weg neben dem Ufer noch erkennbar war. Die Luft roch nach feuchtem Laub und kaltem Morgen, und meine Stiefel wurden sofort nass vom taufrischen Gras am Rand.

Am ersten Tag sprachen wir kaum, und das passte. Ich hatte keine Worte für das, was hinter uns lag, und Edda war nie jemand gewesen, der Stille ausfüllte, nur weil sie da war. Ich zählte stattdessen die Dinge, die ich dabei hatte: eine Schnur, ein Messer ohne Glanz, Brot, das sich teilen ließ. Nicht viel. Genug.

Erst am zweiten Tag, als der Pfad sich im Schilf verlor und nur noch der Fluss wusste, wo Süden war, stellte ich die Frage, die ich schon den ganzen ersten Tag im Mund gehabt hatte.

„Wohin gehen wir?“

Edda blieb stehen und sah nicht zu mir, sondern ins Grau vor uns, als läse sie dort etwas ab, das ich nicht sehen konnte.

„Nach Eldovar“, sagte sie. „Dorthin, wo sie glauben, dass Gerechtigkeit ein Wort auf Papier ist.“

Ich wartete. Bei Edda lohnte es sich, zu warten.

„Manches, was sie verbergen, lebt noch“, fuhr sie fort. „Und solange es das tut, kommt es zurück.“

„Was haben sie verborgen?“

„Etwas, das sie geschaffen und dann verstoßen haben.“ Sie machte eine kurze Pause, schüttelte den Kopf, als ordne sie Gedanken, die sich nicht gern ordnen ließen. „Mehr musst du jetzt nicht wissen.“

„Und wenn es uns findet?“

„Dann weißt du, warum wir kämpfen.“ Sie machte einen Schritt weiter, dann noch einen. „Aber zuerst werden wir tun, was sie am meisten fürchten: uns unentbehrlich machen. Wir zeigen ihnen, dass man uns braucht. Der Rest ergibt sich.“ Sie ging weiter, ohne sich umzudrehen.

Ich folgte ihr und fragte nicht mehr. Nicht weil ich keine Fragen hatte, sondern weil ich merkte, dass Edda einen Plan mitgebracht hatte aus der Zeit, bevor ich überhaupt gewusst hatte, dass wir flüchten würden. Das war ein merkwürdiges Gefühl - halb Erleichterung, halb etwas, das ich noch nicht benennen konnte.

Edda ließ mich alle paar Stunden stehenbleiben. „Du hebst die Fersen zu früh“, sagte sie.

„Ich will schneller werden.“

„Schnell ist, wenn du ankommst. Alles davor ist Eitelkeit.“

In den Nächten schliefen wir unter Bäumen oder in verlassenen Scheunen, wo der Wind durch die Bretter pfiff und das Stroh nach altem Tier roch. Ich schlief genug, um die Augen zu retten, aber nicht genug, um den Kopf zu reinigen. In den wachen Stunden erzählte ich mir leise, was ich behalten wollte: den Ton des Ambosses, wenn ein Schlag genau sitzt. Die Art, wie mein Vater den Hammer führte, nicht drückte. Die Wärme in der Schmiede abends, wenn das Feuer runtergebrannt war und der Stahl noch strahlte.

Ich versuchte nicht, die anderen Bilder wegzuschieben seinen Körper neben dem Amboss, die Kreide an seinen Fingern. Das funktioniert nicht. Man schiebt sie weg, und sie kommen zurück, stärker. Also ließ ich sie kommen, hielt sie kurz, und legte sie dann beiseite wie ein Werkzeug, das man heute nicht braucht.

Am vierten Tag kamen wir an einem Haus vorbei, dessen Dach sich senkte wie ein alter Rücken. Ein Mann stand oben drauf und flickte es, allein, mit ruhigen, geübten Bewegungen. Jedes Mal, wenn er den Hammer hob, machte sein Körper eine kurze Pause, als erinnere er den Arm daran, wozu er da ist. Ich blieb stehen und sah zu, länger als nötig. Er nickte mir zu, ohne zu lächeln, und ich nickte zurück.

Kurz danach tauchten die ersten Rauchfahnen von Eldovar auf - lange, ruhige Streifen, die nicht nach Dorf rochen, sondern nach etwas Größerem. Aus der Ferne wirkte die Stadt glatt. Aus der Nähe, das spürte ich schon bevor wir ankamen, würde sie voller Kanten sein.

Je näher wir kamen, desto deutlicher wurde der Geruch: Metall, Pferd, Mensch, und darunter etwas Schwereres, das wie gespannte Luft roch - wie kurz vor einem Streit, den keiner beginnt, weil jeder weiß, wer ihn verliert.

Eldovar war nicht gewachsen, sondern gebaut worden. Schicht für Schicht, wie eine Festung, die sich selbst misstraute. Der äußere Ring bestand aus Werkstätten, Schmelzöfen und Häusern aus rußgeschwärztem Stein. Davor Felder, die kaum noch Erde hatten, nur Asche und Spuren von Händen, die aufgehört hatten zu pflügen. Dahinter erhob sich der mittlere Ring: Mauern aus hellerem Kalk, Türme, deren Spitzen mehr Wache als Zier waren. Und über allem die Oberstadt - glänzend, ordentlich, fast zu sauber. Dächer aus glasiertem Ton warfen das Sonnenlicht wie Spott auf die grauen Viertel darunter. Der Rauch der Schmieden stieg nach oben, wurde aber nie höher als der Palast, der auf dem Hügel thronte - als bestimme er, wie viel Licht jede Schicht verdiente.

Am Tor standen Männer, deren Rüstungen zu groß für ihre Haltung waren.

„Wohin?“, fragte einer.

„Arbeit“, sagte Edda.

Er sah meine Hände an - nicht freundlich, nicht feindlich. Abschätzend. „Was kann das Kind?“

„Schmieden“, sagte ich, bevor Edda antworten konnte.

Der Wachmann grinste, auf eine Art, die nichts mit Humor zu tun hatte. Edda legte mir kurz die Hand auf die Schulter. „Wir suchen nur ein Dach und ehrliche Arbeit.“

„Dann sucht im Handwerkerviertel“, sagte er und trat beiseite.

Wir gingen, ohne uns umzudrehen.

Hinter dem Tor änderte sich der Klang der Stadt. Das Rufen der Händler war dumpf, als läge Staub auf den Stimmen. Zwischen den Häusern stieg Rauch auf, der nach Öl und altem Eisen roch. Der Weg führte uns tiefer, wo der Pflasterstein bröckelte und die Gassen enger wurden. Menschen hasteten mit gesenkten Köpfen vorbei, Gesichter halb unter Tüchern. Marktstände boten mehr Schatten als Ware: Fässer mit kaltem Wasser, Körbe voller stumpfer Äpfel, Lumpen, die als Stoff verkauft wurden. Der Geruch wechselte mit jedem Schritt - Ruß, Schweiß, faulendes Obst, und darunter immer wieder Metall, wie ein Grundton, den die Stadt nie losließ. Über uns hingen Seile mit Wäsche, so dicht, dass sie das Licht in Streifen schnitten. Aus den oberen Stockwerken tropfte Wasser, das längst kein Regen mehr war.

Kinder huschten zwischen Fässern, barfuß und schnell. Männer schoben Karren, Frauen trugen Körbe, die zu schwer für ihre Rücken waren. Die Stadt klang nach Hämmern und Rufen, nach Leben, das keine Zeit hatte, sich zu entschuldigen.

Zwischen zwei schiefen Häusern hing ein Schild mit abgeblätterter Farbe - ein Krug, kaum noch zu erkennen. Aus dem Inneren kam das dumpfe Gemurmel vieler Stimmen, das Klingen von Bechern, ein Ton wie Atmen nach einem langen Tag.

Edda blieb stehen. „Hier redet man erst, bevor man gesehen wird.“

„Und wenn sie uns nicht zuhören?“

„Dann heißt das, dass sie genug wissen.“ Sie drückte die Tür auf, und ein Schwall aus Wärme, Rauch und Stimmen trat uns entgegen.

Die Taverne roch nach altem Bier, feuchtem Holz und dem Schweiß von zu vielen Menschen auf zu wenig Platz. An den Wänden hingen Haken ohne Zweck, der Boden war vom langen Gebrauch blank gelaufen. Hinter dem Tresen stand ein schmalschultriger Mann mit dunklem, zerzaustem Haar. Sein Gesicht war ruhig. Zu ruhig für einen gewöhnlichen Wirt. Er polierte einen Krug, als prüfe er, ob das Glas noch dicht hielt - aber seine Augen arbeiteten dabei, sahen jeden im Raum an, ohne es zu zeigen.

„Wir suchen Arbeit“, sagte Edda.

Der Wirt hob kaum den Blick. „Arbeit gibt's genug. Lohn selten.“

„Wir nehmen, was wir finden können.“

Er sah von ihr zu mir. „Und das Mädchen? Kann sie was?“

„Sie kann mehr, als sie aussieht“, sagte Edda.

„So reden viele, bevor sie's beweisen müssen.“

Ich hob das Kinn. „Ich kann schmieden.“

„Schmiedeblut?“

Ich nickte. Er kratzte sich am Kiefer, überlegte eine Weile, als wäge er ab, ob wir die Mühe wert waren. „Hinter dem Fluss gibt's eine alte Werkstatt. Der Besitzer braucht Hände, die durchhalten. Sagt, Ronan schickt euch.“

„Woher kennt Ihr den Besitzer?“, fragte Edda.

Der Wirt sah uns an, kurz und ruhig. „Ich kenne viele Leute“, sagte er. „Das ist mein Beruf.“ Er wandte sich ab. Damit war das Gespräch beendet, auf eine Art, die keinen Widerspruch einlud.

Edda nickte knapp. „Danke.“

Er zuckte mit der Schulter. „Wenn sie gut ist, find ich's raus.“ Dann musterte er uns noch einmal, als sehe er, was wir nicht sagten. „Oben ist ein Zimmer leer. Zwei Nächte mehr nicht. Danach müsst ihr selbst zusehen.“

„Das reicht“, sagte Edda.

Er nickte, als hätte er das geahnt, und wandte sich zurück zu seinem Krug und dem dumpfen Gespräch am Ende der Theke.

Draußen war die Luft kälter geworden. Die Oberstadt brannte im Abendlicht, weißgolden, weit weg. Edda blieb kurz stehen. „Wenn du hier bleibst, wird man dich prüfen. Jeder Tag, jedes Werkstück, jeder Blick. Also mach, dass sie dich brauchen.“

„Und wenn sie's nicht tun?“

„Dann schmiedest du dir selbst einen Platz.“ Sie ging weiter, ohne sich umzudrehen.

Der Weg zur Werkstatt führte bergab, durch steinerne Bögen und schmale Gassen, in denen Kinder mit Ruß im Gesicht spielten. Über uns die Türme der Oberstadt - weiß, glatt, sauber. Unten das Hämmern, das Atmen der Schmieden. Die Oberstadt glänzte. Die Unterstadt arbeitete. Dazwischen lag kalter Stein.

Die Werkstatt lag tatsächlich hinter dem Fluss, eingeklemmt zwischen zwei Lagerhäusern, die aussahen, als stützten sie sich gegenseitig, um nicht zu fallen. Den Geruch erkannte ich schon auf halber Straße: Eisen, Öl, Schweiß. Der vertraute Geruch einer Schmiede, die wirklich arbeitet.

Ich merkte erst, als er in meine Nase traf, wie sehr ich ihn vermisst hatte.

Drinnen war es heiß und still zugleich. Ein Mann stand über dem Amboss, die Ärmel hochgekrempelt, der Blick fest auf das glühende Metall. Er war Mitte vierzig, kräftig, gedrungen, das Haar kurz und von grauen Strähnen durchzogen. Die Haut an seinen Unterarmen war dunkel vom Ruß, die Augen grau und wachsamer, als sein Schweigen vermuten ließ. Er schlug nicht, er setzte. Jeder Hieb hatte Grund.

„Ronan schickt uns“, sagte Edda.

Er legte den Hammer ab, drehte sich langsam um. „Tut er das noch? Dachte, der hört nur noch zu.“

„Wir suchen Arbeit.“

Sein Blick glitt zu mir. „Du bist jung.“

„Jünger als das Metall, ja. Aber es hält trotzdem, wenn man's richtig schmiedet.“

Ein Zucken in seinem Mundwinkel - kein Lächeln, eher ein Test. Er zeigte auf eine Ecke. „Da liegt Altstahl. Zeig, was du kannst. Keine Worte, keine Fragen.“

Ich nahm die Zange. Der Altstahl in der Glut war schon einmal gefaltet worden und an einer Kante überhitzt - jemand hatte ihn aufgegeben, bevor er fertig war. Der Hammer lag schwerer in der Hand als Vaters. Der Kopf einen Daumen zu weit vorn. Die Hitze war anders als in Karnhold. Zu trocken und zu schnell - ein Feuer mit zu viel Zug. Ich atmete ruhig dagegen an, sprach leise in das Feuer, bis es sich beruhigte und anfing zuzuhören. Ich machte alles genau so, wie ich es bei Vater immer gesehen hatte.

Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der Schmied sich schneller umdrehte, als er wollte.

„Du nutzt Wortmagie beim Schmieden?“

Hier endet die Leseprobe

Die Geschichte geht weiter – als Taschenbuch, Hardcover und eBook. Mit Kindle Unlimited ohne Zusatzkosten.

Weiterlesen bei Amazon Leseprobe Band 2

Wie es weitergeht

Ardunas Weg führt sie von Karnhold nach Eldovar, von der Lehrtochter zur Verräterin des Königs. Zwei Jahre nach dem Ende dieses Bandes beginnt Band 2 – Das erstarrte Land: Ein Dorf im Süden ist zu Kristall erstarrt, mitten in der Bewegung, mitten im Leben.

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